Der
Mordprozessbeginn am 10. Januar
Zwei Satanisten töteten einen
Kollegen. Demnächst stehen sie vor Gericht. Die Staatsanwaltschaft glaubt an
verminderte Schuldfähigkeit.
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| Das Hochzeits-foto: Manuela und Daniel (25) |
Vor dem Schwurgericht beim Landgericht
Bochum beginnt am 10. Januar ein Prozess, der jedes Schema sprengt. Das
Anklage-Aktenzeichen 30/Js 154/01 ist der Code für das Böse und Bizarre:
Ritualmord im Milieu der Satanisten. Daniel und Manuela Ruda haben einen
Menschen getötet, und sie glauben, Satan habe es so von ihnen gefordert.
Sechs psychiatrische und psychologische Sachverständige sollen den drei
Berufs- und zwei Laienrichtern in Bochum helfen, die Schuld der Angeklagten
festzustellen. Selbst Staatsanwalt Justinsky, der aus Ermittlungsakten die
27 DIN-A4-Seiten dicke Anklageschrift gefiltert hat, ist sicher: Beide sind
vermindert schuldfähig, aber weiterhin gefährlich.
Manuela Ruda ist von einem der angesehensten Psychiater der Republik
exploriert worden: Professor Norbert Leygraf, Direktor des Instituts für
Forensische Medizin der Universität Essen. Einer der profiliertesten
deutschen Strafverteidiger steht der schrillen, aber gepflegten
Untersuchungsgefangenen vor ihren irdischen Richtern bei: Siegmund Benecken
aus Marl. Er will seine Mandantin nach dem Urteil in der Psychiatrie "weiter
betreuen" und hofft, "dass sie einmal als ungefährlich für die Gesellschaft
zurückkehren kann". Benecken hat sich mit umfangreicher Literatur über das
Phänomen des Satanismus und Okkultismus auf die Verteidigung vorbereitet und
zu Manuela Ruda "ein gutes, vertrauensvolles Verhältnis".
Eine Kontaktanzeige hatte das blutige Bündnis gestiftet. Der Autoverkäufer
Daniel Ruda, 25, aus Herten hielt Ausschau nach der zweiten Hälfte seiner
Seele und inserierte in einer Szene-Zeitschrift: "Pechschwarzer Vampir sucht
Prinzessin der Finsternis, die alles und jeden verachtet und mit dem Leben
abgeschlossen hat." Die Kellnerin Manuela Bartel, 23, aus Witten las die Zeilen im
Frühsommer 2000 - zwei Besessene, die parallel auf der falschen Spur liefen,
fanden sich zum teuflischen Paar.
Daniel Ruda hatte schon als Schüler blutige Träume. Er sah sich in einem
monströsen Körper, glitt durch die Nächte und biss Menschen die Köpfe ab.
Mit 14, auf dem Gymnasium, das er mit der Realschulreife verließ, erschien
ihm während des Unterrichts "Samiel". Diese düstere Gestalt mit Fingern, aus
denen die Knochen herausgewachsen waren, groß, blass und pechschwarz
gekleidet, befahl ihm die Suche nach dem zweiten Teil seiner Seele. Ruda
deutete den Auftrag als Antwort auf sein ständiges Gefühl der inneren Leere.
Er las die "Satanische Bibel", trank sein eigenes Blut und gab sich den
Namen "Sundown". Infos über Daniels Dämon Samiel * klick hier *
Manuela Bartel verließ als 13-Jährige die Punk-Szene. Sie jobbte laut der
Boulevard-Presse in
Schottland und in England und fiel als Kellnerin in einem Wittener
Bäckerei-Café auf: Irokesenfrisur, schwarze Kleidung wie ein
Dauertrauerfall, Lippenpiercing und Tattoos. Manuela posierte laut der
Boulevard-Presse angeblich als Sado-Maso-Modell. Sie nannte sich selbst
"Allegra". Laut der Boulevard-Presse habe sie Tageslicht als unverträglich
emfunden und Menschen gemieden.
Als die Wege der beiden Satansjünger sich kreuzten, war es für Daniel Ruda
wie ein Blitzschlag. Er war sicher, Manuela besitze den zweiten Teil seiner Seele und teile seine
Gier nach Blut, seinen Blutdurst und den Hass auf die Menschen. Das Duo morbitale fuhr zu Konzerten der Gothic-Metal-Szene mit einem Opel Vectra der besonderen Art: Auf der Fahrer-
und Beifahrertür der Schriftzug "Kadaververwertungsanstalt Bunkertor 7 85221
Dachau", auf der Heckscheibe ein Pentagramm und die Aufschrift "SOKO
Friedhof", auf dem Kofferraumdeckel das Wort "Grabschönheit".
Im März dieses Jahres empfing Daniel Ruda zwei Befehle, angeblich direkt von
Satan, verbunden mit den magischen Zahlen "6667": Am 6. 6. müsse er Manuela
Bartel heiraten; am 6. 7. werde der Teufel in seinen Körper fahren, um sich
eine Seele zu beschaffen, deren Zeit noch nicht so weit ist. Die erste Order
war schnell befolgt, die zweite interpretierte Manuela Ruda als Opfergang:
Töte, bringe Opfer, bringe die Seelen, gehe den dritten Weg.
Daniel Ruda kaufte Werkzeug: eine Spaltaxt, mehrere Messer, zwei
Zimmermannshämmer. Laut der Boulevard-Presse sollten es eigentlich drei Opfer, aber zwei sagten die
Einladung zur Abschiedsparty am 6. Juli im dritten Stockwerk des betongrauen
Genossenschaftswohnblocks Breite Straße 55 in Witten angeblich ab. Frank Hackert (33)
ging in die tödliche Falle. Ruda
erzählte seinem früheren Arbeitskollegen, er werde der Ehrengast des Abends
sein.
Der arglose Hackert wurde mit 66 Machetenhieben und Hammerschlägen getötet.
Die Täter sprachen ein Gebet und ließen die Leiche in ihrer düsteren Wohnung
mit der Totenkopf-Attrappe, den Spinnweben-Imitationen, der Grablaterne und
dem Sarg. Sie flüchteten mit dem auffälligen Opel Vectra
zunächst nach Magdeburg.
Am Morgen des 12. Juli endete die bundesweite Fahndung nach Daniel und
Manuela Ruda in einem kleinen Ort bei Jena. Die Realitätsferne belegten zwei
Sätze, die Daniel Ruda am Abend jenes Mittwochs nach dem
Rücktransport nach Bochum angeblich zu Reportern vor dem Polizeipräsidium
rief: "Warum
denn so viel Aufwand? Es war doch nur ein Mensch." |